In letzter Zeit ging es in verschiedenen Presseartikeln immer wieder um die Frage, ob das Halten von Trauerreden Kunst sei oder nicht. In meinem neusten Blogartikel können Sie lesen, warum ich diese Frage für mich bejahe.

545433_347196822017890_1296603745_nMeine Arbeit besteht in der Kunst, die Trauer der Hinterbliebenen in die richtigen Worte zu übersetzen und dabei stets den passenden Ton zu treffen, um in sorgfältig gewählten und abgewogenen Worten ein individuelles Gedenken zu ermöglichen. Die liebevollen, dankbaren, aber auch schmerzhaften Erinnerungen werden zu einem lebendigen Strauß aus leuchtenden oder auch gedeckten Farben zusammengebunden, der so unverwechselbar und einzigartig ist wie es der/die Verstorbene und sein/ihr Leben waren.

Daher ist auch jede Trauerrede ein Unikat, das ich den Hinterbliebenen nicht nur selbstverständlich aushändige, sondern in enger Abstimmung mit ihnen erarbeite. Denn nur über ihre Erzählungen kann ich mir ein Bild vom/von der Verstorbenen, seinem/ihrem Leben und den Beziehungen, die Hinterbliebene und Verstorbene verbanden, machen. All das ist von größter Wichtigkeit für das Gelingen meiner Rede.

Hier gleicht meine Arbeit der einer Bildhauerin, die immer wieder an ihrem Modell Maß nimmt, um ein möglichst originalgetreues Porträt zu erstellen. Doch gleich einem Konzentrat, das erst durch Zugabe von Flüssigkeit sein volles Aroma entfalten und seine bestimmungsgemäße Konsistenz erhalten kann, gelangt die Trauerrede erst durch meine Stimme und meinen gestalterischen Vortrag zur vollen Blüte.

distelDabei sind die gestalterischen Mittel so facettenreich wie die Inhalte. Bisweilen schlüpfe ich in verschiedene Rollen, etwa, wenn ich aus dem Tagebuch der Verstorbenen zitiere oder auch Kindheitserinnerungen nacherzähle, um den Vortrag so lebendig wie möglich zu gestalten. Erzählungen, Anekdoten, Tagebucheinträge, musikalische Vorlieben werden liebevoll aufgegriffen und miteingeflochten. Auch für Witziges darf Platz sein, natürlich, ohne dass es dem würdigen Rahmen und dem Ernst der Situation Abbruch tut. Befindlichkeiten müssen beachtet und sorgsam aufgefangen werden.

Meine Tätigkeit und meine Reden sind daher nur bedingt mit der Amtshandlung eines Pfarrers und einer Pfarrerin zu vergleichen. Viele Hinterbliebene wenden sich bewusst an freie Trauerredner und nicht an Pfarrer oder Pfarrerin, weil der/die Verstorbene der Kirche den Rücken gekehrt hat und sie Bibelworte und Gebete auf seiner Trauerfeier als unpassend empfänden. Das gilt es für mich zu respektieren und eigene Überzeugungen, wenn nötig und soweit es mir möglich ist, hintanzustellen. Die Trauernden wünschen sich von mir, ich möge ihren Schmerz über den Verlust eines nahestehenden Menschen lindern, indem ich vor ihren Augen ein lebendiges, liebevolles und einfühlsames Porträt zeichne, das ihnen den Abschied leichter macht und eine dankbare Erinnerung ermöglicht.